Samstag, Juni 11, 2016

Rainer Güllich: Marburger Krimi-Cocktail [Rezension]

Herbert Gruber ist Kommissar der Mordkommission in Marburg. Korpulent, unsportlich, immer im altmodischen Anzug mit Mantel. Ganz das Gegenteil seines jungen Assistenten Karl Kroner, der am liebsten in Jeans und Designerklamotten herumläuft. Und dann gibt es da noch den Polizeipathologen Wiesinger, meist vor ihnen am Schauplatz der Verbrechen, wortkarg, aber mit gutem Blick für Details.

Die Verbrechen, die das Team aufklären muss, lassen sich alle dank der genauen Beschreibungen im Text optimal verorten:

Marianne Brunner, die zentrale Person der ersten Geschichte, „Vergeltung“, kauft ihre Lebensmittel bei Ahrens in der Universitätsstraße und ihre Krimis in einem kleinen Lädchen in der Weidenhäuserstraße. Diese Krimis bringen sie schließlich auf die Idee, selbst Rache für erlittenes Unrecht zu üben. Und der Leser geht mit, von der Bushaltestelle am Rudolphsplatz, über das Kaufhaus TEKA in der Bahnhofsstraße, bis zur Robert-Koch-Straße, in der ihr Opfer wohnt.

In „Das Alibi“ geht es nach Cappel, einem Stadtteil im Süden Marburgs auf der linken Seite der Lahn. In der Umgehungsstraße hat Bernd Kremer den Tod seiner Frau gemeldet, offenbar infolge eines Einbruchs. Offenherzig gibt er zu, die Nacht bei einer Freundin in Kirchhain verbracht zu haben und erst am Morgen nach Hause gekommen zu sein.

Herbert Becker entdeckt in „Hass“ die Leiche einer jungen Frau. Er ist begeisterter Jogger. Seine Morgenrunde führt ihn über den Waldweg in den Lahnbergen. In der Nähe des ehemaligen Kurhotels, in dem sich heute eine Schule für medizinische Heilberufe befindet, gibt es eine kleine Holztreppe. Ein wenig vermodert ist sie inzwischen. Genau dort entdeckt er die Tote.

Paul Kröger hat ein verfängliches Gespräch zweier Unterweltgrößen belauscht. Jetzt ist er auf der Flucht. Blöderweise wollte er noch einmal mit seiner Freundin Lene sprechen, bevor er abtaucht. Die arbeitet in einem Nachtclub in der Siemensstraße - gemeint ist wohl das Erotic Island. Und genau hier wird er von Bauner, genannt ‚die Stimme‘, entdeckt.

Da ist der Weihnachtsmarkt rund um die Elisabethkirche, auf dem der Budenbesitzer Walter Porsch sein Leben ließ. Dessen Nichte Marlene findet die Polizei im Hotel in der Deutschhausstraße, das sich unschwer als das Hotel „Haus Müller“ in der Nr. 29 erkennen lässt.

Tonio Rummel arbeitet als Hilfs-Hausmeister in der Kreisverwaltung im Lichtenholz 60. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er die Filiale der Sparkasse Marburg-Biedenkopf. Natürlich reizt den Ex-Knacki das schnelle Geld. Allerdings befindet sich auch die Polizeistation Marburg in Sichtweite.

Die Untersuchungen in diesem Kurzgeschichten-Band sind kurz und übersichtlich. Da fünf der sechs Storys nur um die zehn Seiten lang sind, bleibt ohnehin wenig Platz für Verwicklungen. Die meisten Täter sind schnell gefunden und geständig.

So liegt der Reiz des Bandes weniger in der Ermittlungsarbeit, sondern, wie so häufig bei Regionalkrimis, im Lokalkolorit. Der „Marburger Krimi-Cocktail“ eignet sich daher für ortskundige Leser, die hier ihre real existierenden Straßen wiedererkennen, ebenso wie für Touristen, die mit dem Band in der Hand die Universitätsstadt mit ihren pittoresken Orten erkunden wollen.

TitelDer Marburger Krimi-Cocktail : Kriminelle Kurzgeschichten / Rainer Güllich
Person(en) Güllich, Rainer
Verleger Norderstedt : Books on Demand
Erscheinungsjahr 2011
Umfang/Format Taschenbuch, 135 Seiten
Amazon-Link amazon.de/gp/product/3842339356/
ISBN/Einband/Preis 978-3-8423-3935-4
EAN 9783842339354